Sag Guten Tag!

 Stippvisite


Es ist Mitte März, ich bin gerade angekommen im Flughafen von Freetown. Ich fühle mich gerädert, wie nach einem 11 stündigen Flug, bei dem man nicht geschlafen hat, weil das im Sitzen eben einfach nicht richtig funktioniert.... 
Während wir in langen Schlangen vor der Passkontrolle warten, entdecke ich außer mir nur wenige Weiße. Irgendwie scheinen sich viele von ihnen aber untereinander zu kennen. Dann höre ich den Gesprächen zu und muss insgeheim lächeln. Denn der Name fällt, auf den ich schon gehofft hatte: auch die anderen hier wollen zur Global Mercy. Die Global Mercy ist ein großes Schiff, das noch keine 2 Jahre alt ist, und in dem auf 11 Decks ein Krankenhaus Platz findet, sowie viele Versammlungsräume, ein paar Cafés, ein Fitnessstudio, eine kleine Bibliothek, und viele kleine Kabinen für die Crew.

Ich schließe mich der Gruppe an, und lerne Menschen aus den Niederlanden, der Schweiz, aus Texas, aus Australien kennen... Wir werden mitsamt Gepäck in einen kleinen Bus verfrachtet, und setzen dann mit einer Fähre über zur anderen Seite der Küste, wo die Global Mercy liegt. 
Beeindruckend,  fast schon ehrwürdig, dieses Schiff. Wir werden hineingeführt und eingecheckt- und sofort merke ich, wie gut alles organisiert und strukturiert ist. Ja, hier reisen jeden Tag viele Menschen an und wieder ab. Ein Riesending.
Ziemlich müde, und gespannt auf die nächsten Tage, falle ich in meiner Gästekabine ins Bett, mit dem letzten Blick hinaus auf den Ozean.

Noch vor 10 Tagen wusste ich davon nichts. Ich hatte nicht im Entferntesten das Land Sierra Leone auf dem Schirm, und auch die Organisation MercyShips war mehr eine zwar aufregende, aber eher nebulöse Idee, als eine echte Option. Aber ich wusste schon lang, ja, sehr lang, dass ich in Afrika arbeiten möchte. Dort, wo fehlende Grundversorgung oft zu einer existenziellen Bedrohung wird. Ich kann es nicht genau sagen, aber da schlägt mein Herz höher, da fühle ich mich am rechten Ort, und so war es schon immer. Das war ein ausschlaggebendes Argument dafür, dass ich mein Zahnmedizin-Studium gewählt habe.
Und so habe ich meine Bewerbung an MercyShips gesendet, und wurde eingeladen, mir die Sache selbst anzuschauen. Denn 2 Jahre hier zu wohnen und zu arbeiten, das ist etwas Besonderes, und birgt seine eigenen Herausforderungen.

In dieser Woche begleite ich Marijke, die im Moment die leitende Zahnärztin hier ist. Sie wohnt mit ihrer Familie seit 3 Jahren an Bord und wird im Sommer nach Hause in die Niederlande zurückkehren. Wir verstehen uns auf Anhieb. Sie zeigt mir, wie sie hier arbeitet, wie die Abläufe sind, und wir sprechen viel darüber, wie sie vorgeht, wenn sie Patienten hat, die einen Befund zeigen, mit dem sie in ihrem Berufsleben zuvor noch nie konfrontiert war. Denn das ist schon ein Thema. Reichen meine 3 Jahre Berufserfahrung aus, um meine Arbeit hier gut zu machen? Allein in dieser Woche auf der Global Mercy haben wir Patientenfälle, die es in Deutschland so niemals geben würde. Eine junge Frau, so alt wie ich, die bis jetzt mit einer offenen Lippen-Kiefer-Gaumen-Spalte lebt, oder ein kleiner Junge, dessen linke Gesichtshälfte infolge einer langjährigen Kieferknochenentzündung (ausgehend von den Zähnen als Infektionsherd) völlig deformiert und von vernarbten Fistelgängen gezeichnet ist.
Es ist gut, dass ich hier eng mit Kollegen auf Augenhöhe zusammenarbeiten kann.
Aber ich erinnere mich selbst auch daran: ich bin nicht hier, weil ich jeder Situation schon gewachsen wäre. Ich bin hier, weil alles, was ich immerhin tun kann, ein Gewinn ist. Dass ich die Welt sowieso nicht retten kann, aber einige Zähne und einige Lächeln. Und weil ich auch glaube, dass Gott mich dafür vorbereitet hat, sonst wäre ich jetzt nicht hier.
Sonst wäre mir die Entscheidung nicht so leicht gefallen: Ja, ich möchte diesen Einsatz hier machen.
Wenn ich wieder zurück nach Deutschland komme, werde ich noch 3 Monate haben, um mein Leben in Mainz zusammenzubinden, emotional hinterherzukommen, Spender zu finden, mich zu verabschieden und aufzubrechen. Es ist ein Traum, der wahr wird, und ich habe lang gewartet. Es fühlt sich aufregend an, viel zu groß - und genau richtig. 

Ich bin gut angekommen!


Wow! Es ist so viel passiert, und die Wochen waren seit Anfang Juli so voll! Aber endlich möchte ich mich hier noch `lebend` melden.
Ich habe nach vielen Abschieden zuhause den ganzen Juli auf dem Campus von MercyShips in Texas verbracht, wo ich einige Wochen Sicherheitstrainings und Seminare zur Vorbereitung auf meinen Einsatz hatte. Zusammen mit meinen neuen Freunden und Kollegen, den Mitvolontären, flogen wir Ende Juli dann nach Teneriffa. Hier lag unser Schiff, die Global Mercy, für ein paar Wochen für Unterhaltungs- und Reparaturarbeiten.

Ich bin gut auf dem Schiff angekommen.  Mein neues Zuhause. Einige Tage später schon sicherten wir alle frei herumstehenden Gegenstände für die bevorstehende Überfahrt nach Sierra Leone und luden alle Geländewagen mit dem Kran auf`s Schiff. Der ein oder andere wappnete sich noch mit Malariaprophylaxe und Medikamenten gegen Seeübelkeit. Dann legten wir ab. Wir waren 6 Tage auf See; wir fuhren mit nur 2 statt 3 Motoren, um Diesel zu sparen. Tagelang hatten wir nur meilenweiten Ozean um uns herum.... Abends, wenn viele drinnen saßen und Filme geschaut haben, saß ich mit einem Becher Tee auf Deck 11 und starrte hinaus in die Nacht, hörte den Wellen zu, wie sie an unserem Bug brachen. 
Tagsüber wankten wir die Flure entlang, aber dankbarerweise ist mir nie ernsthaft schlecht geworden. In Freetown wurden wir von einem Empfangskomitee mit Trommeln und Trompeten unter warmem Regen begrüßt! (Hier ist gerade Regenzeit, und es ist mindestens genauso oft grau bewölkt, wie in Deutschland... ;)
Als wir in den Hafen einfuhren, holten wir alle die Flagge unseres Herkunftslandes hervor, standen an der Reling und winkten. Ein bewegender Moment! Es fiel mir schwer zu glauben, dass ich auf einmal, endlich!, wieder in Afrika bin. Willkommen, hier beginnt der 7. Einsatz von MercyShips in Sierra Leone!, und die Vorfreude ist so groß darauf, vielen Menschen Hilfe zu bringen. :)


Während unserer Einsätze stellen wir qualifizierte einheimische Mitarbeiter ein, um möglichst effektiv zu arbeiten. Diese bezeichnen wir als “DayCrew”, da sie während des Arbeitstages mit zur Crew gehören, abends aber wieder nach Hause zurückkehren. Sei helfen mit im Krankenhaus zur Übersetzung oder als Krankenschwestern, in der Küche, in der Putzkolonne. So sind wir nun über 400 Crewmitglieder, die an Bord wohnen, plus über 200 DayCrew aus Sierra Leone.
 

Auch mir helfen sie in der Rezeption und beim Assistieren und Übersetzen, denn unsere Patienten sprechen vornehmlich Krio- kaum Englisch.
Wir haben Anfang August unsere zwei Behandlungsräume hergerichtet, eingeräumt und unsere Praxis eröffnet. Es tut mir so gut, nach all den Wochen voller Trainings, Meetings und Übergabeprotokollen wieder praktisch zu werden auf dem Gebiet, in dem ich mich auskenne. Wir sind gerade zwei Zahnärztinnen, und wir haben alle Hände voll zu tun. Irgendwie ironisch ist es, dass ich jetzt schon in der zweiten Woche etwas Schmerzen im Handgelenk vermerke… schon lange nicht mehr so viele Zähne extrahiert in so kurzer Zeit.

Ich habe in den kommenden 10 Monaten vornehmlich drei Patientengruppen: prioritär unsere Krankenhauspatienten (Patienten, die an Bord kommen für einen größeren chirurgischen Eingriff), unsere einheimische DayCrew, und die Langzeitvolontäre an Bord.

Damit machen die meisten Patienten, die wir behandeln, hier ihre allererste Zahnarzterfahrung, ganz egal, wie alt sie sind. Hier werden viele Hände gehalten und viele beruhigende Worte gesprochen… 

3 Patienten-Momente

 

Mohamed, ein 67 Jahre alter Patient, der auf seine Operation wartet, steigt leichtfüßig in unseren Praxis-Container. Er setzt sich auf den Behandlungsstuhl und sagt, er wünscht sich nur ein Check-up und möchte, dass ich ihm helfe, wieder jünger auszusehen. Mohamed hat aber ziemlich gesunde Zähne, sodass ich ihm sage, dass ich da gar nicht viel machen brauche! Wie alt möchte er denn wieder werden, frage ich? 21? Er lacht und sagt, das wäre toll! 
 Also habe ich eine Idee. Er hat nämlich ziemlich kurze, stark abgenutzte Schneidezähne, unterschiedlich lang, wie ein Wellenschliff. (Auch ein Phänomen, dass ich hier sehr oft sehe. Ich bin noch am Untersuchen, woher das kommt!) Und da ich sonst so viel unästhetische, eher blutige Arbeit mache, tue ich mir damit quasi selbst einen Gefallen 😉: Ich baue ich die Schneidekanten seiner Frontzähne wieder schön auf. Da junge Menschen ihre Zähne weniger „verbraucht“ haben, lassen lange Zähne jemanden tatsächlich optisch jünger aussehen. - Als ich fertig bin, gebe ich ihm den Spiegel. Hallelujah!, ruft er laut und lacht fröhlich. Was für ein herrlicher Moment! 

 

Chernor ist 4 Jahre alt, und wird mir für eine Beurteilung überwiesen. Er wird von seinem großen Bruder begleitet. Als ich Chernor sehe, bleibt mir kurz der Atem weg. Seine linke Gesichtshälfte ist völlig entstellt durch einen Tumor, der Wange und Lippen einbezieht. Sie sind wie übergroß und die Lippen sind so schwer, dass sie auf der einen Seite dick herabhängen. Frische Krusten deuten darauf hin, dass der Tumor immer wieder blutet. Ich habe so etwas Frappierendes noch nie in Echt gesehen. 
 Chernor reißt sogleich enthusiastisch seinen Mund auf, als ich ihn frage, ob ich seine Zähnchen sehen darf. Alle Milchzähne sauber und ordentlich in der Reihe- kein Behandlungsbedarf. Wir erklären ihm, wie und wie oft er seine Zähne putzen soll und schenken ihm eine Zahnbürste in Giraffenform.
 Ich mache die Einträge in seine Patientenakte und höre dabei zu, wie er so lebhaft und aufgeregt mit seinem Bruder Späße treibt. Nachdem wir die beiden verabschiedet haben, kann ich nicht länger an mich halten und muss richtig weinen. Dieser kleine Mann! Er lacht so leicht daher, als hätte er gar keine Ahnung, was da in seinem Gesicht los ist. 

Einige Tage späte erfahre ich eher zufällig am Rande eines Gespräches, dass Chernor für eine Operation hier bei uns abgelehnt wurde. Wahrscheinlich wäre der Eingriff einfach zu riskant (Blutungsrisiko)- ich habe den Grund nicht erfragt. Ich war nur wie vom Schlag getroffen. Und frage mich, was bedeutet es denn in seinem Fall, und wie sieht es dann aus, dass wir ‚Hoffnung bringen´ wollen? 

Emma ist 40 Jahre alt, und kann ihren Mund nicht öffnen. Sie kann ihn einfach nicht öffnen! Gar nicht, nicht mal zwei Millimeter. Zuerst, vor ungefähr 5 Jahren, hatte sie mal eine Entzündung im Unterkiefer, berichtet sie, und danach fing es an, immer schlechter zu werden mit der Bewegung. Jetzt geht gar nichts mehr, und sie ernährt sich von Brei, den sie zwischen den Zähnen durchzieht.

Das Röntgenbild zeigt einen Unterkieferast, der mit der Schädelbasis komplett verwachsen ist. Wo mal ein Kiefergelenk war, ist jetzt einfach nur durchgehender Knochen. Deshalb kann sich da tatsächlich rein technisch nichts mehr bewegen. Eine solche Verwachsung kann ausgelöst werden durch ein entzündliches Geschehen.
 Da wir auf dem Röntgenbild auch sehen können, dass 5 Zähne zerstört sind und entfernt werden müssen (und ich neugierig bin, wie ihr Fall gelöst werden kann), werde ich zur OP-Besprechung mit dem Mund-Kiefer-Gesichts-Chirurgen hinzugezogen. Sie wird operiert werden können! Der große Schläfenmuskel und auch Bauchfett werden dazu dienen, um Strukturen im Gesicht zu rekonstruieren. Die OP wir auf drei Stunden gesetzt. Gutes Ende für Emma.

Neue Freude ohne Unterkiefer

 Letzte Woche kam Abdulaie auf mich zu. Er sagte, er werde bald entlassen. Ob ich ihm vorher noch seine Frontzähne wieder schön machen kann?
Abdulaie wurden vor 40 Jahren! alle Zähne des Unterkiefers entfernt aufgrund eines Tumors. Auf dem Foto unten könnt ihr erkennen, wie seine Unterlippe nach innen fällt, da die Unterstützung der Unterkieferzähne fehlt.
Seitdem nutzte er seine Oberkieferzähne als Werkzeuge, so gut es geht. Die Frontzähne weisen jetzt massive, stufenförmige Abrasionen auf. Mit Komposit konnte ich sie ihm wieder herstellen, was abgesehen von der ästhetischen auch eine funktionelle Verbesserung darstellt und einen Schutz der noch vorhandenen Substanz. Als wir ihm den Spiegel reichten, da fand ein Sonnenaufgang in seinen Augen statt. Eine Freude sprudelte aus ihm heraus, und das Strahlen hörte gar nicht mehr auf! Ja, der ganze Mensch wurde von neuer Energie und Tatendrang ergriffen. Er fing an, von seinen Lebensplänen zu erzählen. Ich hatte diese Freude wirklich nicht erwartet und wurde angesteckt, und vor allem wurde ich demütig. Dieser Mann, so quicklebendig, ohne Unterkiefer, hat mich mal wieder so viel über Dankbarkeit gelehrt, und wie schön, dass ich ihn so glücklich machen konnte.